themen denen ich folge
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read & write: Kurzgeschichten
- erstellt am 22.01.06 23:41
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beschreibung
Kurzgeschichten
Tja, ich dachte mir, ich probiers mal wieder, also wer gerne Kurzgeschichten schreibt und diese gerne verkünden möchte: bitte sehr
Ich mal wieder den Anfang - ich sag hierzu, dass einiges vielleicht sehr haltlos ist, aber ich habs geschrieben, weil ich von dem Jungen geträumt habe.
Silvester
Es war kurz vor Mitternacht, als der schmächtige Junge bereits mehr als angetrunken an der Eisenbahnbrücke ankam. Er hatte einen guten Grund sich zu betrinken, an diesem 31. Dezember, auch wenn er noch sehr jung war. Aber in diesem Dorf betranken sich alle Jungs jedes Wochenende. Den Sonntag nutzt man dann meistens zum Ausnüchtern.
Jedoch war er der einzige der sich alleine betrank, während er beobachtete, wie die anderen sich gemeinsam betranken und ihren Spaß hatten. Er hatte schon oft versucht sich zu den anderen dazuzugesellen, doch man konnte ihn auch besoffen nicht ausstehen. Sie fanden ihn trotzdem blöd und hässlich und deswegen war er meistens derjenige, der bei diesen Gelagen mitten in eine Schlägerei geriet.
Das war normal in diesem Dorf. Irgendjemand musste hier der Prügelknabe sein und in dieser Generation ist es eben er. Seine Eltern schienen das ähnlich zu sehen, denn sie fragten nie, wer an diesen Schlägereien war, wer ihm seine Veilchen verpasst hat oder überhaupt warum.
Wenn nicht gerade wieder ein Fest war, verbrachten sie ihre Abende ohnehin meist vor dem Fernseher oder in der Kirche. Was ihr Sohn alles unternahm, um von den anderen Jungs akzeptiert zu werden, schien sie gar nicht zu interessieren.
In der Schule lief es nicht besser. Seine Mitschüler konnten ihn nicht ausstehen und seine Lehrer waren zu beschäftigt um irgendetwas zu bemerken, geschweige denn etwas zu unternehmen, wenn wieder von allen Seiten gestichelt wurde oder er regelmäßig Opfer irgendwelcher Streiche war, die man sich aus Langeweile ausgedacht hat. Auch jetzt in seinem Abschlussjahr.
Schlimm genug. Er würde so gerne Pilot werden. Aber als Hauptschüler bleibt ihm nichts anderes übrig, als irgendeine Lehre in der Gegend anzufangen. Er würde vermutlich bis zum Rest seines Lebens in diesem Dorf verbringen müssen. Gemeinsam mit den Leuten, die ihn jetzt ständig pissackten und damit auch nicht aufhören werden.
Er lehnte sich über das Brückengeländer und starrte hinunter auf die Gleise. Er war der Einzige, der bisher noch kein Mädchen abgekriegt hat. Die Mädchen fingen lieber mit den gutaussehenden und tollen Jungs etwas an, hauptsächlich die Fußballer und schützen. Er konnte weder mit einem Ball umgehen, noch ein Gewehr richtig halten. Er sah mit seinen Pickeln, seinen schiefen Zähnen und seiner Brille alles andere als gut aus. Er war die Letzte Wahl, wenn überhaupt. Und wenn er in zehn Jahren dann doch mal eine abkriegen sollte, wird er dasselbe Leben führen, wie seine Eltern.
Abend für Abend zu Hause vor dem Fernseher und Tag ein, Tag aus der selbe Job, den er nie erlernen wollte.
Er umklammerte seine Flasche noch fester und nahm einen kräftigen Schluck. Dann versuchte er sich daran, über das Geländer zu steigen, wegen der Flasche die er nicht loslassen wollte, des Flascheninhalts in seinem Blut und der Kälte und Glätte, schien dies eine mehr als aufwändige Prozedur zu werden.
Aber er schaffte es dennoch und so stand er nun auf der anderen Seite des Brückengeländers, den Blick starr auf die Gleise gerichtet und sich mit der freien Hand am vereisten Geländer festhaltend. Ein eisiger Wind peitschte ihm ins Gesicht. Seine Hand zitterten und er hätte am liebsten losgelassen, doch er war sich nicht sicher, ob er jetzt schon fallen wollte.
Er blickte hinauf zu dem sternenklaren Himmel und blickte weiter zu den Häusern am äußeren Rand des Dorfes. Überall brannten an diesem Abend Lichter. Es wurde gefeiert und mit hoher Wahrscheinlichkeit „Dinner for One“ geschaut.
Sein Blick ging weiter zu den bewaldeten Hügeln und den Dörfern, die sich nur wenige Kilometer entfernt befanden. Auch dort wurde in den Häusern gefeiert und „Dinner for One“ lief auch dort über den Bildschirmen.
Und irgendwo da draußen, in den Städten, weit weg von seinem Dorf, wurde bestimmt auch gefeiert und vermutlich auch „Dinner for One“ geschaut. Aber dort wurde bestimmt anders gefeiert. Kein bloßes Zusaufen um des Rausches Willen. Vielleicht würde er dort ein völlig anderes Leben führen.
Sein Blick wanderte zurück zu den Gleisen. Vielleicht würde er doch noch aus dem Dorf herauskommen. Wenn er nach der Lehre in die Stadt ziehen würde oder vielleicht noch weiter zur Schule gehen würde. Dann könnte er dieses Dorf und seine Insassen hinter sich lassen. Er würde niemals mehr einer von ihnen sein. Was er ohnehin nie gewesen war.
Er drehte sich weider um und versuchte zurück auf die andere Seite des Geländers zu steigen. Doch endlich geschah das Unvermeidliche: Er rutschte aus und fiel.
Die nächsten Tage wurde wie schon so oft von den besoffenen Jugendlichen berichtet, die sich im Rausch in den Tod stürzten. Eine Woche nach seiner Beerdigung, wurde im Pfarrhaus ein Vortrag zum Thema Suchtprävention gehalten.
Und wenn ihr wollt, setz ich bei Gelegenheit ein paar meiner älteren Werke wieder rein :winK: